Twinsound CST-80 MK II Röhrenverstärker

Ich wollte immer schon einen haben...

Nachdem der erste Anlauf vor einem Jahr nicht von Erfolg gekrönt war (der damals bestellte "Dynavox VR70e-2" hat zum Himmel gestunken - im wahrsten Sinne des Wortes), nun ein neuer Anlauf. Es wurde ein ca. 5 Jahre alter Verstärker ersteigert. Lt. Verkäufer ist er nicht mehr als 15 Std. gelaufen. Na jedenfalls sind alle leicht flüchtigen Stoffe (Lösungsmittel der Lacke, Tauchversiegelung der Trafos) abgegast und man kann den Raum ohne Gasmaske betreten. Und der Verstärker spielt in einer etwas besseren Liga. Der Neupreis liegt bei ca. 1000 €, etwa doppelt soviel wie seinerzeit der Dynavox-Verstärker kostete. Die von mir gemessenen Werte sind durchweg besser als beim Dynavox. Den Transport per DHL hat der Verstärker ohne Schaden überstanden.

Es folgen zunächst einige Impressionen:

Fig. 1: Mein neuer Röhrenverstärker

Fig. 2 

Fig. 3: Heimelig leuchtend...

Fig. 4 

Fig. 5: Echte "China-Böller"

Fig. 6: Unterseite - der Aufbau erinnert sehr stark an Dynavox; ich möchte wetten, dass die chinesische "Manufaktur" dieselbe ist!

Fig. 7: Oben: die kuriose "Extra-Platine".

Fig. 8: 'Mal ein Bisschen 'dran 'rum messen...

Die nachfolgenden Messungen wurden bei einer Ausgangsleistung von 1 Watt an einem (realen) 8 Ohm-Widerstand durchgeführt. Die Unterschiede zwischen den beiden Kanälen sind marginal. Der Frequenzbereich ist erstaunlich glatt: innerhalb des Bereiches zwischen 10 Hz und 125 kHz bewegt sich der max. Pegelunterschied bei knapp 1 dB mit einem überhaupt nicht ausgeprägtem Maximum bei 90 kHz. Die untere Grenzfrequenz liegt bei 4 Hz (!), die obere bei 160 kHz (!). Die Überschwingantwort beim Rechteck ist vermutlich der Tribut an die recht hohe obere Grenzfrequenz. Sicherlich lässt sich das verbessern (Vielleicht hiermit ?). Im Schaltbild sind nirgends (!) Kondensatoren vorgesehen, die die obere Grenzfrequenz begrenzen könnten. Der Verstärker ist auch ohne solche Maßnahmen erstaunlich stabil.

Die max. Ausgangsleistung wurde mit 39 Watt bei 1 kHz und 8 Ohm Lastwiderstand gemessen. Dabei wurde darauf geachtet, dass eine sichtbare Signalverformung (vor Erreichen der Aussteuerungsgrenze) nicht auftritt. Klirrfaktoren / Intermodulationsprodukte wurden mangels Messmöglichkeiten nicht ermittelt.

Fig. 9: 10kHz Rechteck (2V/div + 50us/div) mit deutlichen Überschwingern

Fig. 10: 1kHz Rechteck (2V/div + 500us/div)

Fig. 11: 100Hz Rechteck (2V/div + 5ms/div) - besser kann das mein Sony-Verstärker TA-F590ES auch nicht! Er ist eher noch etwas schlechter!

Fig. 12: 1kHz Rechteck (2V/div + 100ms/div)

Fig. 13: 1kHz Rechteck (2V/div + 2us/div); der Überschwinger in Großaufnahme

Fig. 14: 25kHz Rechteck (2V/div + 20us/div)

Fig. 15: 50kHz Rechteck (2V/div + 10us/div) - so langsam nähert sich die Signalform dem Sinus an!

Fig. 16: 200Hz Dreieck

Fig. 17: 2kHz Dreieck

Fig. 18: 20kHz Dreieck - ganz ordentlich!

Ich habe im Netz vergeblich nach Schaltungsunterlagen / Service-Manuals gesucht. Deshalb habe ich die Schaltung selbst aufgenommen: hier das Schaltbild (Schematic) des Twinsound CST-80 MK II. Der Signalzug ist voll symmetrisch aufgebaut: wie ein Operationsverstärker mit Röhren. Kurios ist die Verwendung der "Extra-Platine": vermutlich sollte auf der Frontplatte ein preisgünstiger Ein/Ausschalter Verwendung finden. Also wurde die nötige Schaltleistung durch ein Relais mit passender Beschaltung realisiert. Das beworbene röhrenschonende Einschaltverzögerungsrelais existiert definitiv nicht und macht vom Prinzip hier keinen Sinn. Spindeltrimmer finden Verwendung für die Einstellung der Anodenruheströme der Endröhren - damit lässt sich die Einstellung sehr feinfühlig vornehmen. Leider gibt es keinerlei Mess- und Einstellmöglichkeiten von Außen. Dazu muss also das Gerät geöffnet werden.

Die Schaltung birgt sonst keinerlei Überraschungen; ist halt Technik von Vorgestern (mal abgesehen vom modernen Differenzverstärker-Design; das findet man äußerst selten!). Vielleicht ist noch die verbaute Drossel zur Brummunterdrückung zu erwähnen. Es brummt und rauscht in der Tat nicht hörbar! Tuningmaßnahmen - wie sie im Netz reichlich zu Röhrenverstärkern vorhanden sind - erachte ich in Anbetracht der Messwerte und des wirklich überzeugenden Klanges für absolut überflüssig!

Die verwendeten Röhren sind gängige Typen und als Ersatzteile halbwegs preisgünstig verfügbar. Die Endröhren EL34B sind im Grunde identisch mit den altbekannten EL34. Das "B" soll sagen, dass die chinesische Produktion qualitativ den bekannten Produkten aus St. Petersburg ebenbürtig sein soll.

Der Betrieb eines Röhrenverstärkers ist nicht gerade ein Paradebeispiel für den nachhaltigen Einsatz knapper Ressourcen: der Ruhestrombedarf liegt bei ca. 130 Watt! Davon schlucken die Heizungen der 8 Röhren einen Großteil. Aber nur ein Röhrenverstärker hat diese unvergleichliche Optik und nicht die schlichte Nüchternheit der Solid-State-Produkte.

Klanglich hört sich die Endstufe gut an. Warmer Röhrensound? Im direkten Vergleich (mittels Lautsprecherumschalter) zu meinem Sony-Verstärker ist ein geringer Unterschied hörbar. Wenn ein Röhrenverstärker anders als ein Transistorverstärker klingt, dann liegt das an den evtl. beim Ersteren wahrnehmbaren harmonischen (geradzahligen K2-) Verzerrungen - wegen der leicht gewölbten Kennlinie, die durch nur geringe Gegenkopplung nicht "glattgebügelt" wird. Vermutlich sind die Verzerrungen von Lautsprecher-Chassis aber um Größenordnungen höher als die der Verstärker! Im oberen Leistungsbereich setzen Röhrenverstärker sehr moderat mit dem Clipping ein. Weiterhin (und ich glaube dass das der eigentliche Einfussfaktor ist!) bedingt der geringere Dämpfungsfaktor der Röhrenverstärker mehr Eigenleben der Lautsprecher. Ein geringerer Dämpfungsfaktor (=höherer Ausgangswiderstand wg. geringerer Gegenkopplung; s.o.) ist nicht unbedingt schlecht; bei den dazu passenden Lautsprechern kann er von Vorteil sein. Ein testweise in Serie zum Transistor-Verstärker geschalteter 1,5 Ohm-Widerstand erzeugte eine sehr ähnliche Klangveränderung...

Fig. 19: Im Vordergrund meine geliebte Squeezebox (Netzwerk-Player und Streaming-Client)

Fig. 20: Zum Verstärker gibt es einen Schutzkäfig dazu. Frage: was / wer wird da geschützt??

Fig. 21: Mein Rack in der Totalen

Fig. 22 

Fig. 23: Die verwendeten Lautsprecherboxen haben einen recht hohen Wirkungsgrad (95 dB / Watt). Damit geht dann trotz der eher bescheidenen Verstärker-Ausgangsleistung echt die Post ab!

Fig. 24: Die verwendeten Lautsprecherchassis sind die Dynaudio-Typen D21, D28, D54 und 30W54. Bei Kennern ist diese Kombination legendär und ich behaupte unübertroffen!

Fig. 25: Die Gehäuseform ist von mir entwickelt und aufwändig optimiert worden. Die 6 dB-Weichen garantieren hohe Impulstreue und phasengenaue Rekombination der Schallereignisse der Chassis. Allein über diese Boxen könnte ich ein Buch schreiben... Vielleicht gibt es später an dieser Stelle mehr dazu.

Mein Lese-Tipp: "Hifi auf den Punkt gebracht". Peter Pfleiderer räumt hier mit vielen Irrtümern der Hifi-Branche auf (er spricht mir aus der Seele und macht Schluss mit dem Hifi-Voodoo) und stellt seine wirklich interessanten Erfindungen und Grundlagenforschungen vor. Leider ist das Buch nur noch im Antiquariat zu recht hohen Preisen zu bekommen. Aber: absolut lesenswert!!!

Lese-Tipp2: Diplom-Arbeit "Black Cat" an der TU Berlin; auch hier wurde das Differenzverstärker-Prinzip präferiert.